Familie Nuschel

Ich fühle mich oft unverstanden. Und meistens ist es meine eigene Schuld, dass andere Menschen mich nicht verstehen. Denn ich rede schon seit meiner Schulzeit nicht nur oft zu leise, ich nuschel offenbar auch gerne mal. A. tut das leider auch. Nun habe ich sowieso ziemlich schnell nach meinem „Import“ in die Niederlande festgestellt, dass die meisten Niederländer das -n am Verbende in der Regel wegnuscheln – dank dieser Erkenntnis klinge ich weniger Deutsch.  So wird zum Beispiel „wij lopen“ eher zu „wij lope„. Aber auch bei anderen Wörtern oder gar Sätzen wird gerne mal an der Aussprache gespart. „Papa doen?“ (Papa machen?) soll dann heißen: „Moet Papa dat doen?“ (Soll Papa das machen?)

Am Dienstag wurde mir klar, dass wir (also A. und ich) uns das Nuscheln abgewöhnen müssen. Ich weiß zwar noch nicht wie, denn Abgewöhnen ist selten leicht: beim Fluchen hat das ja bisher auch nicht sooo gut geklappt: B. kennt schon „damn“. Zum Glück ist das eins der harmloserern Flüche, die uns ab und zu mal in the heat of the moment entfleuchen. Aber besser wäre das Abgewöhnen des Nuschelns schon. Denn auch wenn Kinder in B.’s Alter oft noch undeutlich sprechen, so fand die Dame vom consultatiebureau (so eine Art Familienberatungsstelle, wo die regelmäßigen Entwicklungschecks stattfinden und geimpft wird) doch, dass B. zwar viel aber etwas undeutlich spricht.

Meine erste Reaktion war: Pöh! Die hat wohl selber was an den Ohren! Ich, A., und auch B.’s Erzieherinnen in der Kita verstehen sehr wohl, was der kleine Schlingel da so alles erzählt. Dass die zweisprachigen Erziehung in zwei Sprachen, die sich bei vielen Wörtern ziemlich ähneln, der Grund für B.’s angeblich undeutliche Aussprache ist, glaube ich nicht. Nachdem, was ich so alles über dieses Thema gelesen habe, kommen Kinder mit mehreren Sprachen prima klar. Dass mein deutscher Akzent beim Niederländischsprechen, was ich ja manchmal doch mit B. tue (vor allem in der Öffentlichkeit), der „Übeltäter“ sein soll, wie die consultatiebureau-Dame suggerierte, möchte ich mir auch verbitten. Schließlich spreche ich ja doch meistens Deutsch mit B. und hört er hauptsächlich Niederländisch von Muttersprachlern. Nein, es wird wohl doch am Nuscheln liegen, habe ich mir überlegt, als ich B. wieder in der Kita abgeliefert und zu Hause völlig geschafft vom morgentlichen Haus-Maklerfoto-bereit-machen und dem Blitzbesuch beim consultatiebureau auf’s Sofa fiel.

Normalerweise sind diese Besuche beim consultatiebureau übrigens eine Aufgabe für den Papa, denn ich hab’s nicht so mit Behörden u.Ä. Obwohl weder A. noch ich bisher negative Erfahrungen mit dem consultatiebureau hatten, das von niederländischen Eltern auch gerne mal scherzend consternatiebureau (Bestürzungsstelle) genannt wird, war ich ein wenig nervös. Schließlich wird nicht nur mein Kind gecheckt, sondern ein bisschen auch ich als Mutter…. dazu gleich mehr! Und auch wenn hier in Holland weniger streng nach Checkliste gearbeitet wird wie offenbar in Deutschland (man liest ja im Internet so einiges), hatte ich doch ein wenig Angst, dass B. sich weigern würde, auf Kommando Kunststückchen vorzuführen. Aber die Angst war unbegründet. Das einzige, was er bei diesem 24-Monate-Check machen musste, war: ein paar würfelförmige Bauklötze aufeinanderstapeln, bei einer Puppe die Ohren, Augen, Hände usw. zeigen, und mir ein bestimmtes Spielzeug bringen. Machte er alles brav, die Dame war zufrieden.

Nur ich selbst bekam Punktabzug: ich hatte in der Eile vergessen, außer einer frischen Windel Popotücher einzupacken, und dreimal dürft ihr raten, welcher kleine Junge mitten im Gespräch über’s Zähneputzen, Schlafen undsoweiter die Windel vollkackte… Zum Glück waren im Wartezimmer genug andere, besser vorbereitete Eltern anwesend, sodass ich mir einfach ein paar Tücher erbetteln konnte. Peinlicher fand ich aber, dass ich offenbar doch etwas zu passiv erziehe. Als mildernden Umstand rechne ich mir an, dass ich ja in ein ernstes Gespräch zwischen Erwachsenen (noch dazu bei einer Art Prüfstelle!) vertieft war, aber dass die Dame irgendwann selbst hinter ihrem Schreibtisch hervorkam, um dem kleinen Schlingel klar zu machen, dass er die Türen der Spielküche nicht so laut zuknallen soll und dass die nicht weiter als 95 Grad aufgeht, war mir dann doch ziemlich unangenehm! Als ich sie aufstehen sah, bin ich schnell selber aufgestanden und hab B. ruhig aber streng zurechtgewiesen, und danach hat er auch weniger randaliert, puh! Trotzdem war ich froh, als wir wieder gehen durften…

Zu Hause auf dem Sofa ging mir dann wie gesagt auf, dass es, auch wenn die Dame vom consultatiebureau wohl einfach was an den Ohren hat,  vermutlich besser wäre, wenn A. und ich in Zukunft mehr darauf achten, dass wir deutlich sprechen, wenn B. dabei ist. Also zum Beispiel nicht mehr: „Solln wir n Buch lesn?“ sondern „Sollen wir ein Buch lesen?“ Es hat sich ausgenuschelt bei Familie Nuschel!

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3 Gedanken zu “Familie Nuschel

  1. Hm.. mir ist das Nuscheln nie wirklich aufgefallen. . Leise ja, Nuscheln? Naja, wir sehen uns ja auch selten. Da achte ich dann auch nicht so darauf. 🙂

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