Wie ich ein bisschen meine Muttersprache verlerne

Es soll ja Leute geben, die behaupten, man könne seine Muttersprache nie verlernen. Aber ich glaube: doch, kann man! Zumindest teilweise.

Ich lebe nun seit fast 10 Jahren hier in Holland (hui, die Zeit rast!) und merke, dass ich öfter mal zweifle, wie man bestimmte Dinge auf Deutsch sagt. Vor allem in meinem Job als Übersetzerin ist das nicht so praktisch. Zum Glück helfen mir meine Freunde Google und der Duden dann aus der Patsche. Und manchmal frage ich übers Handy (pardon, Smartphone) einfach meine Schwester, die im Gegensatz zu mir nicht ständig von Niederländisch umgeben und beeinflusst wird. Privat sind meine kleinen Fehler ja zum Glück auch nicht so schlimm, da wird höchstens über mein verniederländischtes Deutsch gelacht.

Vor allem Präpositionen und die Fälle bereiten mir Schwierigkeiten. Bei den Präpositionen funken mir die niederländischen ähnlich klingenden aber anders benutzten dazwischen, da muss ich echt aufpassen! Beispiele: versehen mit = voorzien van; Kontakt aufnehmen zu jdm = contact opnemen met iemand. Und heißt das jetzt „das Bild an die Wand anbringen“ oder „das Bild an der Wand anbringen“?? Überhaupt gibt es zwischen Deutsch und Niederländisch viele „falsche Freunde“ und auch die Schreibweise ähnelt sich oft. „Das klingt komisch“ = „Dat klinkt raar.“ (Das niederländische „komisch“ bedeutet hingegen eher „ulkig/lustig“.)  Eine Übersetzer-Kollegin hat mir geraten, einfach viel Deutsch zu lesen, aber dazu fehlt mir leider oft die Zeit und Konzentrationsfähigkeit (Mama-Blogs zähle ich jetzt mal nicht – es geht mir um das sprachenbewusste Lesen förmlicher Texte).

Wie viele, die längere Zeit im Ausland leben, benutze ich falsche Satzkonstruktionen und 1-zu-1 übersetzte Ausdrücke, ich verwechsle Präpositionen (siehe oben), erinnere mich manchmal nur mit Mühe an bestimmte deutsche Wörter und benutze falsche Wörter oder Schreibweisen. Ein paar Beispiele wären: „Mein Zug viel aus.“ (Mijn trein viel uit.), „in der Pfanne backen“ (das niederländische „bakken“ kann sowohl „backen“ als auch „braten“ heißen; und een pan kann eine Pfanne oder aber ein Topf sein), „die kleine Babykatze“ (auf Niederländisch tatsächlich babykat, aber auf Deutsch eher: Katzenbaby), „wir gehen gleich essen“ (anstatt „wir essen gleich“, denn die englische going-to-future gibt es auch im Niederländischen). Außerdem fragte ich mich mal ernsthaft, warum die Rechtschreibkontrolle von Word über „aktief“ stolperte…

Wie ich hier schon einmal schrieb, bereiten mir außerdem Wörter und Ausdrücke aus Themengebieten Schwierigkeiten, mit denen ich vor meinem Umzug ins Tulpenland noch nicht direkt zu tun hatte. Zum Beispiel Hypotheken, Schwangerschaft und Geburt usw. Dass der kleine Kaaskop zweisprachig erzogen wird, ist auch für mich ein Segen. Mir ist nämlich aufgefallen, dass mein Deutsch weniger schnell und weniger stark nachlässt, seit ich jeden Tag mit dem kleinen Kaaskop Deutsch rede und lese! Bevor es ihn gab, hatte ich bei Telefongesprächen mit der Heimat oder Heimatbesuchen mehr Umstellungsschwierigkeiten als jetzt. Zwar höre ich in seinem Deutsch einen niederländischen Akzent, aber stark ist der nicht, und angeblich habe ich mittlerweile auch einen. Selbst höre ich den aber nicht.

Ganz verlernen werde ich meine Muttersprache also dank Kind und Übersetzer-Job wohl nicht. Ohne es recherchiert zu haben, behaupte ich einfach mal, dass man sowieso eher seinen aktiven Wortschatz verliert als seinen passiven. Ich erinnere mich von den Schwedenurlauben in meiner Kindheit an die Nachbarin unserer Ferienhausvermieter, die als junge Frau aus der DDR geflüchtet war und mittlerweile wirklich kein Deutsch mehr kann. Verstehen tut sie es noch ein bisschen, aber mehr auch nicht. Und das Verlernen bzw. Vergessen kann wirklich schnell gehen! Da reicht ein Jahr schon aus, wie ich auch an meiner Schwester gemerkt habe. Die erinnerte sich kurz nach ihrem Au-Pair-Jahr nur noch mit viel Mühe an das eher selten aktiv benutzte Wort „Stromausfall“.

Wer von euch war schon einmal längere Zeit im Ausland und kennt dieses Phänomen? Und habt ihr in meinem Blog Ausdrücke entdeckt, die man so gar nicht benutzt im Deutschen?

(Wen das Thema interessiert, hier gibt es was zum Weiterlesen:

http://www.welt.de/print/welt_kompakt/print_wissen/article134526935/Gehirn-verlernt-Muttersprache-nicht.html

http://kids.t-online.de/kann-man-seine-muttersprache-verlernen-/id_19237590/index

http://blog.supertext.ch/2014/06/kann-man-seine-muttersprache-verlernen/ )

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3 Gedanken zu “Wie ich ein bisschen meine Muttersprache verlerne

  1. Man kann definitiv Probleme mit seiner Muttersprache bekommen. Ich habe einen guten (deutschen) Freund, der seit Ewigkeiten in den USA lebt. Und er macht ähnliche „Fehlübersetzungen“ wie Du.
    Ich merke dann, dass es Ami-Slang ist, was er da spricht – nur eben in Deutsch … manchmal ist das schon ziemlich witzig.
    Beispielsweise:
    „I see you’ve got my number“ (Bedeutung: Ich seh schon, du verstehst mich) kommt als „Ich sehe, du hast meine Nummer“ sehr seltsam im Deutschen rüber 😀 …
    Aber ich glaube, wenn er eine Weile hier in Deutschland wäre, dann würde er das auch sehr schnell alles wieder drauf haben.
    Liebe Grüße in die Niederlande 🙂

  2. Ich gehöre zu denen, die sich amüsieren, wenn Du schreibst oder wenn wir uns live sehen, und ich Dich sprechen höre. Aber natürlich meine ich das nicht böse. Ich finde es eher niedlich, wie niederländisch Du geworden bist. 🙂 ❤

    Eine Freundin von mir (Deutschlehrerin) behauptet, man könne seine Muttersprache nicht verlernen. Ich führe Dich dann immer als Beispiel an, aber sie glaubt mir nicht.
    Warum auch immer.. Ich kann mir auch sehr gut vorstellen, dass es schwierig wird, wenn man seine Muttersprache so gar nicht mehr benutzt, wie die Nachbarin in Hestra. 😁

  3. Ich führe das irgendwann noch einmal richtig aus, aber manchmaö verstehe ich nicht mehr, warum die Deutschen mich so augenrollend anschauen, wenn ich sage, ich muss mal pis machen (hacer pis). Saludos…

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