Ein Tag in einer niederländischen Vorschule

So, ich hoffe, ihr habt etwas Zeit mitgebracht. Denn heute werde ich endlich, endlich ausführlich erzählen, was der kleine Kaaskop in der Vorschule hier in Holland den ganzen Vormittag so treibt! Ein paar Erkenntnisse aus meinem ersten Monat als Mutter eines Vorschulkindes habe ich ja hier schon zusammengefasst.

Freitagsalltag in Klasse 1/2 B

An einem Freitag Anfang März habe ich also den kleinen Kaaskop in die Schule begleitet. Um 8.35 Uhr geht die Schultür auf und bis der „Unterricht“ um 8.50 Uhr anfängt, dürfen die Kinder mit ihren Eltern noch etwas spielen oder lesen in ihrem Klassenzimmer. Erst müssen sie aber nach dem Aufhängen der Jacken und Rucksäcke (mit dem Vormittagssnack und dem Lunch) beim Reingehen der juf (das „Fräulein“, also die Lehrerin; ausgesprochen „jüff“) die Hand schütteln und „Guten Morgen“ wünschen.

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Um 8.45 Uhr darf ein Kind das „Aufräumlied“ anmachen. Alle Puzzle, Bücher usw. werden an ihren Platz zurück gelegt, die Eltern gehen und viele Kinder winken ihnen am Fenster noch hinterher. Wenn dann alle ordentlich an ihrem aktuellen Gruppentisch sitzen (die Zusamenstellung ändert sich von Zeit zu Zeit) und so still sind, dass die juf die Uhr ticken hören kann, dürfen die beiden „Helfer“ der Woche als erste ihren Stuhl in den Stuhlkreis stellen. Wenn alle im Kreis sitzen, begrüßt die juf der Reihe nach jedes Kind persönlich und fragt, ob es noch was erzählen möchte. An dem Freitag, als ich da war, hatte zum Beispiel ein Kind neue Schuhe bekommen, die es allen zeigen durfte; eins hatte am Tag zuvor beim Optiker eine neue Brille aussuchen dürfen und ein anderes erzählte, dass es am Wochenende mit Oma in den Zoo gehen würde. Wer nichts erzählen möchte, braucht das auch nicht zu machen.

Wenn alle dran gewesen sind, singt die juf das Wochenlied, in dem alle Wochentage aufgezählt werden. Dann fragt sie eins der Kinder, ob es weiß, welcher Tag gerade ist. Das geht ganz ohne Druck oder Beurteilung. Wenn klar ist, welcher Tag es ist und der wievielte Tag der Woche das ist, darf einer der beiden Helfer auf der Wochentafel die Markierung auf den richtigen Tag schieben. Dann werden Datum und Monat ermittelt und besprochen, welche juf heute da ist (Mo und Di juf H. und Mi, Do und Fr juf L.) und ob es ein kurzer oder langer Tag ist (ein kurzer, also nur bis 12.20 Uhr).

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Anschließend holt die juf ein Buch hervor und liest etwas vor. Weil Freitag war, gab es aber keine Geschichte, sondern ein kurzes Gedicht mit Bezug zum christlichen Glauben. Der kleine Kaaskop geht nämlich in eine katholische Schule. Einfach, weil die öffentlichen Schulen keinen guten Ruf haben und uns bei der protestantischen zuviel Nachdruck auf die Religion gelegt wurde. In Deutschland ist das ja eher umgekehrt, oder?

Soweit der alltägliche Start des Schultages. Danach holte die juf einen Korb mit Deko-Hühnern, Plastikeiern und Küken aus der Thema-des-Monats-Ecke hervor.

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Sie hatte eins der Hühner zur Glucke ernannt und geschlossene Eier darunter gelegt. Die schnitt sie nach und nach heimlich durch und setzte ein paar neue Küken in den Korb. Jeden Morgen guckten die Kinder aufgeregt, ob schon neue Küken „geschlüpft“ waren. Jetzt im Stuhlkreis durften ein paar Kinder zählen,wie viel Eier noch unter der Henne lagen, und ein paar andere,wie viele Küken schon im Korb saßen. Das Ergebnis der Eierzählung fiel recht vielfältig aus: der kleine Kaaskop zählte 7, seine Stuhlnachbarin 8, ein anderes Kind 6… Die juf kommentierte nichts, sondern nannte die richtige Anzahl einfach als sie weitersprach. Als auch die Kükenanzahl ermittelt worden war, sollten die Kinder raten,wie viele Küken denn da sein würden, wenn alle geschlüpft sind. Beim Zählen halfen ihnen die Karten an der Wand:

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Nach dem Rechenspiel waren die Buchstaben dran. Ein Kind durfte aus einem Korb einen Zettel ziehen und die Kinder sollten sagen, welcher Buchstabe darauf steht. Dann legte die juf den Zettel zu den Buchstabenzetteln der vergangenen Woche in einem anderen Korb und zog sie alle nacheinander hervor, damit die Kinder im Chor die einzelnen Buchstaben nennen konnten. Die behandelten Buchstaben bzw. Laute, hängen mit dazupassenden Bildern auch auf einer Tafel im Klassenzimmer. Aktuell war der Laut „ei“ an der Reihe, wie in meisje (Mädchen) und weide (Weide):

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Nach dem Stuhlkreis ist es Zeit für den Vormittagssnack. Mittwochs und freitags soll das ein Stück Obst sein. Daran halten sich aber nicht alle Eltern; ein Kind vom Gruppentisch des kleinen Kaaskop hatte an diesem Freitag ein Marmeladenbrot dabei.Die juf geht rum, um Äpfel durchzuschneiden, Bananen aufzumachen und zu gucken, was die Kinder dabei haben. Wer schon fertig ist, bevor der Beeper erklingt, darf ein Buch aus der Bücherkiste holen und es sich anschauen.

Nach der Pause ist es Zeit für ein werkje, also eine kleine Aufgabe. Dann wird zum Beispiel gruppenweise etwas gebastelt oder ein Zahlenspiel gespielt oder so. Dafür gibt es einen Wochenplan, in dem steht, welcher Gruppentisch wann was macht. Aber die juf entschied, dass die Kinder in dieser Woche „so hart gearbeitet“ hatten, dass sie stattdessen spielen durften. Dafür hängt ein kiesbord (wörtlich: Wahlbrett) an der Wand, auf dem die Spielmöglichkeiten (z.B. Puppenecke, Playmobil, Eisenbahn, Knete..) abgebildet sind. Die Kinder hängen der Reihe nach ihr Namensschild dorthin, womit sie spielen möchten. Es dürfen aber nicht mehr als vier Kinder das Gleiche wählen (wegen Platzmangel/Streitrisiko vermute ich). Nur für den Maltisch gilt das nicht.

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Danach ist Draußenspielen angesagt. Die Kinder müssen wieder erst alle ganz still auf ihren Stühlchen sitzen und dürfen dann nacheinander ihre Jacken holen und anziehen. Dann stellen sie sich in 2er-Reihen auf und marschieren raus auf den Schulhof. Weil auf der basisschool (Vor- und Grundschule) Kinder von 4 bis 12 Jahre rumrennen, haben Unter- und Oberstufe getrennte Schulhöfe. Die juf holt Sandspielzeug, Dreiräder und zwei Bälle aus dem Schuppen und setzt sich auf einen Stuhl in der Sonne, während die Kinder ihre Energie rauslassen.  Um kurz nach 12 Uhr gehen sie dann wieder rein und setzen sich (mit den Jacken noch an) wieder auf ihre Plätze und wenn alle still sind, wünscht die juf ihnen ein schönes Wochenende und müssen die Kinder noch ihre Stühle auf den Tisch stellen, bevor sie nach draußen zu den wartenden Eltern rennen dürfen.

Mein Eindruck vom Vorschulalltag

Mir sind ein paar negative und positive Dinge aufgefallen, während ich an diesem Tag Mäuschen spielte. Gut fand ich zum Beispiel, dass alle kleineren Kinder einen eigenen Buddy haben (eins der älteren), der ihnen zum Beispiel beim Jackezumachen hilft. Außerdem hat jedes Kind eine feste Aufgabe, zum Beispiel das Anschalten des  CD-Players mit dem Aufräumlied, Fensterschließen, für Ordnung im Bücherregal sorgen, die Spielteppiche wieder aufrollen und in das Regal im Flur legen, usw.

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Dass die juf die Antworten der Kinder beim Zählen nicht mit „falsch“ oder „richtig“ kommentierte, fand ich auch sehr gut. Sie hat sowieso eine Engelsgeduld, denn es wurde viiiiiel Zeit damit verbracht, zu warten, still sitzen. Und ständig musste jemand aufs Klo! Die Kinder gehen dort alleine hin (das Klo befindet sich schräg gegenüber des Klassenzimmers), aber es darf immer nur ein Kind zur Zeit und wenn es der juf zu lange dauert, schickt sie ein anderes Kind hin, um nachzusehen, wo das Kind bleibt. Trödeln beim Pipimachen ist also nicht drin. Auch beim Essen nicht, denn dafür wird der Beeper gestellt. Mit einer ganzen Klasse (ca. 24 Kinder) zu warten bis auch der langsamste Esser fertig ist, wäre für die Tagesplanung etwas unpraktisch und außerdem sollen die Kinder in Klasse 1/2 ein Gefühl für Zeit entwickeln. In dieser Phase sollen sie sich hauptsächlich an den Schulalltag gewöhnen und auf den „richtigen“ Unterricht ab der 3. Klasse (die in etwa der 1. Klasse in Deutschland entspricht) vorbereitet werden.

Alles in allem musste mir der kleine Kaaskop mit seinen 4 Jahren aber etwas zu oft/lange stillsitzen. Er zappelte auch ordentlich herum und damit war er absolut nicht der einzige! Zum Glück kriegen die Kinder zwischendurch auch Gelegenheit zum Bewegen und in der Nachmittagsbetreuung, wo der kleine Kaaskop montags, dienstags und donnerstags hingeht, ist von den gemeinsamen Essmomenten abgesehen freies Spielen angesagt.  Mittwoch- und freitagnachmittags und am Wochenende kann er auch den ganzen Tag rumrennen. Und überhaupt, was willste machen? Jedes Schulsystem hat so seine Vor- und Nachteile, und aus der Sicht der Eltern von heute meistens eher Nachteile, denke ich. Die größten Unterschiede zwischen dem niederländischen und dem deutschen Schulsystem könnt ihr übrigens hier auf dem Blog Buurtaal nachlesen.

 

 

 

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2 Gedanken zu “Ein Tag in einer niederländischen Vorschule

  1. Da hast du dir aber viel Mühe gegeben. Danke dass du das so aufgeschrieben hast. Für Lotte wird es auch in ca 2 Jahren losgehen. Ich finde es eigentlich mit 4 Jahren viel zu früh. Aber es ist schön zu lesen, dass das alles ohne „Drill“ geschieht. Groetjes aus Zuid-Limburg, Sarah

    • Danke dir! Ich wollte es halt möglichst vollständig erklären, da man sich als Deutsche/r ja sonst wenig darunter vorstellen kann. Andere Länder, andere (unbekannte) Sitten.. Ich finde 4 auch zu früh, vor allem für soviel Stillsitzen. Aber was soll man machen – das Kind nicht hingehen lassen, bis es mit 5 lehrpflichtig ist, geht ja schlecht.
      Groetjes terug!

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