Vorleben oder dressieren – warum ich mich nicht entscheiden möchte

„Erziehen heißt Vorleben – alles andere wäre Dressur.“ Solche Aussagen habe ich in letzter Zeit öfter gelesen. Und ich ärgere mich darüber. Denn mir stößt dabei irgendetwas sauer auf.

Verallgemeinerung sucks

Es ist doch so: auch solche schönen antiautoritären, bindungsorientierte, gleichwürdigen  Erziehungsansätze sind relativ. Wer hat nicht schon einmal miterlebt, dass sein eigener Supertipp für das Beruhigen des Babys, Einkaufen mit Kleinkind, gemeinsames Essen mit Vorschulkind etc. etc. bei anderen Kindern – huch?! – gar nicht funktioniert? Meiner Erfahrung nach gilt das auch für Erziehungsmethoden, so schön der Gedanke dahinter ist.
Versteht mich bitte nicht falsch, ich bin durchaus überzeugt von den modernen Methoden für den Umgang mit den eigenen Kindern. Alfie Kohn, Jesper Juul, Beziehung statt Erziehung, blablabla. Der kleine Kaaskop darf viel selber machen und ausprobieren, er muss seinen Teller nicht leeressen, darf nachts zu mir ins Bett kommen, wenn er nicht alleine schlafen will, er bekommt erklärt, warum er etwas nicht machen soll usw. Ich bemühe mich bewusst, „Verbote“ positiv zu formulieren, seine Bedürfnisse zu respektieren und ihn Kind sein zu lassen. Ich weiß, dass Kinder lernen, indem sie ihre Eltern nachahmen, und ich achte darauf, dass ich „bitte“ und „danke“ sage, dem Busffahrer freundlich „guten Tag“ sage undsoweiter.

Aber Vorleben alleine funktioniert bei uns nicht.

Ein paar Beispiele:
  • Ich schaue vor dem Überqueren der Straße immer erst nach links und rechts und erinnere den kleinen Kaaskop immer daran, das zu tun. Trotzdem rennt er, hauptsächlich bei der Straße zwischen unserem Vorgarten und den Parkplätzen an der Wiese gegenüber, meistens ohne zu gucken über die Straße. Oder er dreht den Kopf so schnell nach links und rechts, dass ich es kaum mitkriege, und behauptet, er habe geguckt.
  • Ich wasche mir immer die Hände, wenn wir von draußen (Garten, Spielplatz, Schule) reinkommen. Weil der kleine Kaaskop in letzter Zeit zum Händewaschverweigerer mutiert ist, habe ich mit ihm wie vor ca. einem Jahr seine eigene Seife in einer schönen Verpackung gekauft und mit ihm verabredet, dass er sich dann immer die Hände wäscht, wenn ich es auch tue. Vor allem vor dem Essen. Er weigert sich trotzdem oft und das endet nicht selten mit Gebrüll.
  • Ich stehe beim Abendessen nicht ständig auf, um zwischendurch etwas anderes zu machen. Trotzdem vergeht kaum eine Mahlzeit, bei der der kleine Kaaskop nicht mindestens dreimal vom Tisch weggeht und sein Essen ignoriert.
  • Ich mache nie etwas kaputt oder rotze auf den Boden, wenn ich sauer bin oder meinen Willen nicht kriege. Und den kriege ich oft nicht, denn ich habe ja ein Kind, dessen Willen es auch zu berücksichtigen gilt. Trotzdem spuckt mein Sohn in letzter Zeit gerne mal einfach auf den Boden, wenn ihm etwas nicht passt. Und als er meinen (bzw. unseren) Johannisbeerstrauch getreten hat, sodass einer der zarten Zweige abknickte, weil er kein Eis bekam, da habe ich vor Frust geheult. Warum tut er das?! Er kann prima sprechen und ich weise ihn oft darauf hin, dass er auch aufs Sofakissen schlagen kann, wenn er Wut rauslassen muss.

Habe ich etwas falsch verstanden? Muss man das gute Benehmen vorleben und abwarten, bis das Kind es mit 16 oder so endlich nachlebt? Zeigt sich die Wirkung des Vorlebens erst Jahre später und muss ich das so gar nicht meinem vorgelebten Verhalten entsprechende Verhalten meines Sohns in den nächsten Jahren einfach aushalten? Das erscheint mir nicht wünschenswert.  Eltern müssen heutzutage schon zoviel aushalten, ich sag nur „Autonomiephase“! Aber ICH habe auch Bedürfnisse und Wünsche, hier und jetzt, und denen steht das Verhalten meines Kindes im Weg. (Ich schreibe bewusst „Verhalten“, denn man soll ja das Verhalten kritisieren, nicht das Kind selber, nä!)

Die Bedürfnisse meines Kindes gegen meine

Ich würde zum Beispiel gerne mal mit meinem Mann und meinem Sohn in einem Café Kuchen essen oder mit den beiden in einer richtigen Pizzeria oder so essen gehen. Nicht nur bei Ikea oder im pannenkoekenrestaurant. Ich traue mich aber nicht. Ich mag die Blicke von Kinderlosen oder Eltern, die ihre Kinder altmodischer erziehen oder erzogen haben nicht, wenn der kleine Kaaskop rumbrüllt, weil er kein zweites Glas Saft bekommt, oder wenn er ständig vom Tisch wegläuft und die Restaurantküche untersucht oder die Garderobe als Klettergerüst ausprobiert. Ich will nicht, dass andere mich für eine schlechte Mutter halten und meinen Sohn als schlecht erzogen. Denn das bin ich nicht und er auch nicht! Es gibt genug Tage, an denen er sich von seiner besten Seite zeigt und wir uns nicht gegenseitig frustrieren.

Die Mischung macht’s

Mein Sohn hat einen starken eigenen Willen, will überall dabei sein und alles selber untersuchen und ausprobieren. An sich nichts Schlechtes, klar. Aber verdammt anstrengend und frustrierend, wenn man deswegen daran scheitert, ihm ein paar Dinge beizubringen, die das Familienleben angenehmer machen! Vorleben und erklären scheint jedenfalls (für uns!) nicht die Lösung zu sein, und deshalb habe ich beschlossen, bei ein paar Sachen, die mir wichtig sind, doch „klassischere“ Erziehungsmethoden anzuwenden. Ab und zu mal bis 3 zählen (und vorher eine klare Ansage machen, was bei 3 passiert). Den kleinen Kaaskop vor die Wahl stellen, ob er aufhört rumzumotzen, sich die Hände wäscht und gezellig mit dem großen Kaaskop und mir zu Abend isst oder ob er lieber auf sein Zimmer geht. Solche Dinge.

Manche Kinder brauchen eben doch Grenzen

Kindern Grenzen zu setzen scheint heutzutage bei vielen verpönt zu sein. Aber ich bin zu dem Schluss gekommen, dass mein Kind sie braucht. Jedenfalls ein paar. Sonst missachtet er nämlich MEINE Grenzen, MEINE Bedürfnisse. Und wie ich gemerkt habe, macht mich das unglücklich, und darunter leidet letztendlich die ganze Familie. Auch der kleine Kaaskop, der obendrein gerne seine eigene Regeln erstellt, die ich toleriere aber mit der Zeit nervig finde. Zum Beispiel, dass er JEDEN Donnerstag Nutella aufs Schulbrot darf. Oder dass er JEDEN Abend vor dem Zähenputzen unter der Decke verstecken spielen darf. Oder dass NUR er die Waschmaschine anmachen darf. Oder dass ich IMMER im Auto hinten neben ihm sitze. Regeln (also Grenzen) geben meinem Sohn offensichtlich Halt und Sicherheit, er will und braucht sie. Und weil wir „gleichwürdig“  sind und ich als Mama auch Recht habe auf die Erfüllung meiner Bedürfnisse, wird es ab sofort nicht nur Regeln von seiner Seite geben sondern verstärkt auch von meiner.

Keine Regeln – keine funktionsfähige Gesellschaft

Mein Entschluss, den kleinen Kaaskop in Bezug auf gewisse Dinge doch ein bisschen zu „dressieren“, basiert auch darauf: Nachdem ich den sovielsten Blogartikel darüber gelesen habe, warum Kinder sich nicht anpassen müssen sollten, sondern ihre kindlichen Bedürfnisse ausleben dürfen müssen, habe ich mir überlegt, dass dieses Freilassen, das ungehinderte Ausleben der eigenen Bedürfnisse (oft sind es einfach nur Wünsche, oder?), dieses allgemeine Streben nach Individualität keine gute Basis für eine funktionsfähige Gesellschaft sind. Wer sein Kind im Café laut johlend zwischen den Tischen herumrennen lässt, weil es nun mal ein Bedürfnis nach Bewegung hat, trägt nicht gerade dazu bei, dass das Zusammenleben in der Gesellschaft angenehmer wird. Auch Kinder sollten lernen, dass man Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer nehmen und dabei manchmal selber zurückstecken muss.

Es bleibt ein heißes Thema, dieses Erziehen, und wie man es macht, ist es sowieso verkehrt. Aber um meiner eigenen Bedürfnisse willen (und des respektvollen Zusammenlebens) wird im Hause Importkaaskop ab sofort nicht nur vorgelebt, sondern auch ein bisschen dressiert. Mein temperamentvolles Kind darf gerne temperamentvoll bleiben, aber es soll auch lernen, dass jeder Rücksicht auf die Gefühle und Bedürfnisse anderer nehmen muss, damit es gezellig bleibt.

Habt ihr noch Tipps, wie man für mehr Harmonie zuhause sorgt, wenn man ein sehr temperamentvolles Kind hat? Dann bitte her damit!

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7 Gedanken zu “Vorleben oder dressieren – warum ich mich nicht entscheiden möchte

  1. 🙂
    Erpressung, Drohung und Nötigung!!!

    Aus der Distanz betrachtet, liest sich das doch alles sehr gut bei dir. Ganz sicher brauchen Kinder Grenzen!!!

    Eins meiner beiden war und ist bis heute Sternzeichen Panzer und weicht von den selbst entwickelten Ideen nur sehr ungern ab, wenn du verstehst, was ich meine.
    Bevor ich mich mit diesem Kind anlege (was dazu führt, dass es lauter und länger tobt als ich!) überlege ich mir sehr genau, was ich tolerieren kann (z.B. als Zweijährige die neuen Sandalen im Regen ausführen…waren ja nicht meine nassen Füße) und was nicht (kopf- und hirnlos über die Straße rennen). Ich bin so bei sehr vielen Angelegenheiten selbst deutlich entspannter geblieben und der kleine Sturkopf hat im Gegenzug gelernt, dass ich, wenn ich einige meiner wenigen Ansagen mache, es ernst ist.

    Das mit dem Vorleben funktioniert trotzdem, dauert nur oft lange. Es heißt nicht von ungefähr, dass es sinnlos ist, Kinder erziehen zu wollen, weil sie einem sowieso alles nachäffen. 🙂

    Und wenn alles nichts nützt, gehen immer noch die beiden o.g. Maßnahmen. ^^

    Nee, ich halte Grenzenlosigkeit und unbedingtes Recht auf freie Entfaltung ohne Rücksicht auf andere für ungeeignete Erziehungsziele. Wichtiger ist es, den Kindern frühzeitig Verantwortungsbewusstsein und Verlässlichkeit beizubringen.

    Just my 2 cents…

    Groetjes,

    Marie

    • Haha, das mit den Sandalen klingt bekannt..Choose your battles, sag ich da nur. Und zum Wetter passende Kleidung gehört bei mir auch nicht dazu.
      Das mit der Verlässlichkeit läuft hier grad noch nicht so, wenn wir was abegmacht haben (noch ein paar Minuten spielen nach dem Frühstück, aber dann schnell Zähne putzen und los),hält der kleine Kaaskop sich nicht daran. Grenzenlosigkeit gab’s bei uns ja bisher auch nicht, ein paar Regeln galten immer schon, aber das müssen jetzt mal ein paar mehr werden, finde ich.Und dann muss ich wohl dringend lernen, meine Knöpfe zu deaktivieren, die er ständig so treffsicher drückt!
      Groetjes terug!

  2. Nicht nur Kinder brauchen Grenzen. Wenn sie keine bekommen, woher oder wann sollen sie diese Grenzen lernen einzuhalten?
    Auf der anderen Seite gibt es aber diesen Freiheitsdrang bei Kindern, der wohl gerade in der Phase des groß werdens & erkundens sher ausgeprägt ist. Kurz gesagt kindliche Neugierde, gepaart oft mt dem Bewegungsdrang, der übrigens nur gesund ist. Aber auch da…
    …es sollte Grenzen geben.

    Meine drei Kids sind schon zu groß um noch umzuerziehen. Dennch macht Papi noch mal ne´ satte Ansage. Ob dann wer sauer ist oder nicht ist mir dann auch egal. Meine andere Hälfte deckt natürlich oft den Schwachsinn & Unverschämtheit der da gemacht wird. Die armen Kinderlein…

    *lach*

    Was kann ich noch mit auf den Weg geben? Menschen allgemein und somit auch Kinder durchleben immer gewisse Phasen mit dann auch zum Teil gewissen Ticks. Mein Sohn hat mich zB. eine Zeit lang immer getreten. Diese Zeiten gehen dann aber irgendwann vorbei. Die Chance das man in dieser Zeit den Kids was beibringen kann, so oder so, als auf die harte oder eben weiche Tour, besteht.

    • Ja, die armen Seelchen…;-) Ein paar Mal angeschrien und schon hat Mama sie fürs Leben geschädigt. Scheinbar. Sowieso kriegen wir Mütter von Außenstehenden ja immer die Schuld, deswegen bin ich auch strenger (außer Haus) als der große Kaaskop…
      Ich hoffe aber wirklich, dass ich bzw. wir ihm das mit dem Rumspucken bald wieder abgewöhnen können. Es ist eine Phase, es ist eine Phase..:-)

      • Ich weiß nicht, ich glaube das Mütter immer die Hauptschuld an der Erziehung bekommen liegt wohl einfach daran, daß sie auch den Hauptteil übernehmen bwz. außführen müssen. Denn der Mann soll sich ja gefälligst in der Berufswelt behaupten.
        „Falsch“ in meinen Augen kann nur sein, immer die Kinder in jeder Situation mit der Liebe zu überschütten, die man dann auch für seine Kids empfindet. Je älter sie werden, deso öfters darf man ihnen auch mal klar machen, das man selber Mensch ist, auch Rechte hat und sie auch Pflichten und das es für sie natürlcih auch Regeln gibt. Ich weiß das ist schwer und schmerzt dann auch, wenn man mal eine Ansage machen muß und die Kulleraugen dann nochmal eine Nummer größer werden…

  3. Was mir immer wieder über den Weg läuft, ist der Irrtum, dass bedürfnissorientierte Erziehung sich nur nach den Bedürfnissen des/der Kindes/er richtet. Dem ist aber nicht so! Es geht um darum, die Bedürfnisse aller (bei kleinen Kindern, wo ich auch den kleinen Kaaskopp mit zu zähle zumindest um die Bedürfnisse der Kernfamilie) zu achten. Natürlich verschiebt sich das Gleichgewicht mehr zu den Kindern hin, aber die Bedürfnisse der Erwachsenen sind auch wichtig und sollten Beachtung finden.
    Von daher klingen deine Ansätze doch ziemlich gut :o)

    Zum Thema Cafè-/Restaurantbesuch: Mit unseren 2 Wirbelwinden mach ich das zwar auch nicht sooo gern, aber meistens funktioniert es ganz gut. Weil
    1. die Kids auch mitkriegen, dass das jetzt was ganz besonderes ist.
    2. versuche ich mit Büchern, Puzzeln, etc. für ruhige Ablenkung am Tisch zu sorgen.
    3. Sucht euch doch z.B. Restaurants, die ne Spielecke oder einen gut einsehbaren Spielplatz haben. Dann kann der Kaaskopp sich austoben und muss nicht das ganze Restaurant auf den Kopf stellen ;o)

    • Ich gebe zu, dass ich mich da nicht in die Fachliteratur eingelesen habe, sondern nur auf Blogs u.Ä. darüber gelesen habe und dachte, das klingt einleuchtend und gut. Aber aus Schaden wird man klug… Ich bin wohl in die klassische Mütterfalle getappt: die eigenen Bedürfnisse ganz hinten anstellen und dort vergessen.
      Pixibücher habe ich auch immer dabei, wenn ich mich mal irgendwo hintraue. Und ich habe tatsächlich ein Restaurant in der Nähe entdeckt, das nicht nur eine kleine Spielcke hat, sondern einen Außenbereich mit einem richtigen Spielplatz. Das werden wir im Sommer mal ausprobieren, denn das Essen dort ist gut (wir waren schonmal zu zweit dort).
      Liebe Grüße!

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