Sankt Martin und Zwarte Piet

Heute war ja der 11.11., also Karnevalsbeginn und Martinstag. Der kleine Kaaskop ist mit seiner in der Kita gebastelten Spinnen-Laterne mit den Nachbarskindern durch unsere Straße gezogen und hat fleißig Naschkram ersungen. Davor musste aber noch kurz das Sinterklaasjournaal geguckt werden, die Nikolausnachrichten sozusagen.

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Auf Facebook entdeckte ich heute diesen Artikel. Sehr interessant, wie ich finde. Ich zumindest wusste gar nicht, dass St.Martinsumzüge in protestantischen Gemeinden schon immer „Laternenfest“ geheißen habe, weil dort Heiligenverehrung not done ist. Ich habe nur mitgekriegt, dass sich Leute darüber aufgeregt haben, dass es vielerorts nicht (mehr) St.Martin sondern Laternen- oder Lichterfest heißt. Bei mir im deutschen Kindergarten damals hieß das wie gesagt Sankt Martin.

Anyway. Diesen Artikel hatte jemand in einer Gruppe für Deutsche in den Niederlanden gepostet und eines der Mitglieder meinte, sie fände es schade, dass heutzutage so viel an alten Traditionen geändert wird und sie verstehe zwar die Gründe, sei aber trotzdem traurig, dass zum Beispiel hier in Holland Zwarte Piet nicht mehr schwarz sein darf. Hm. Ich sehe den Zusammenhang zwischen den beiden nicht so. Ich bin zwar der Meinung, dass man religiöse Feste nicht umbenennen sollte, aus Angst, Andersgläubige zu diskriminieren. Durch eine Feier religiösen (in diesem Falle christlichen) Ursprungs wird meiner Meinung nach niemand diskriminiert, schon gar nicht durch den Namen. Wer nicht mitmachen will, lässt es eben bleiben. Leben und leben lassen. Anders sähe es aus, wenn Nicht-Christen nicht mitfeiern dürften. Dürfen sie aber doch, oder? Und wenn nicht-christliche Kinder in einen katholischen Kindergarten gehen, kann man wohl davon ausgehen, dass sie auch bei solchen Feiern mitfeiern. Vom Anpassen religiöser Feste in Ländern mit christlichem Hintergrund, um Andersgläubige nicht auszuschließen, halte ich also wenig, aber bei Zwarte Piet liegt die Sache doch etwas anders, finde ich. Bei ihm geht es nicht um den religiösen Hintergrund, sondern um seine Hautfarbe und den Zusammenhang mit der Unterdrückung Schwarzer durch „überlegene“ Weiße. Das ist was ganz Anderes, meine ich.

Was mir bei der auch in diesem Jahr wieder leidenschaftlich geführten Diskussion um Zwarte Piet auch auffällt: die Befürworter eines schwarzen Zwarte Piet sind in der Regel über 50. Sprich: Leute, die Zwarte Piet aus ihrer eigenen Kindheit mit Kraushaar, Pagen-Kragen, dicken roten Lippen und goldenem Ohrring  kennen und lieben und nicht wollen, dass jemand etwas an „ihren“ Traditionen ändert. „Unser Kinderfest“ nennen sie es gerne. Aber ganz ehrlich: ich habe noch nicht mitgekriegt, dass auch Kinder sich darüber beschweren, dass Zwarte Piet in Gouda ein gelb gepunktetes Käsegesicht hatte und in Amsterdam violette Pieten rumliefen. Kindern ist es vermutlich wurst, welche Farbe sein Gesicht hat, ob er goldene Ohrringe trägt oder dicke rote Lippen, solange sie ihn noch als Piet, den kinderfreundlichen Helfer von Sinterklaas, dem etwas unheimlichen weil strengen weißen Mann, erkennen. Denn das ist mir auch aufgefallen: er wird oft einfach nur „Piet“ genannt. Mal davon abgesehen, dass es „den“ Zwarte Piet nicht gibt, denn es gibt Hunderte: Päckchenpiet, Backpiet, Postpiet, Malerpiet,…. Die heißen alle nicht „zwart„, werden aber so dargestellt. Dann sollte es doch kein Problem sein, neben den äußerlichen kleinen Anpassungen, über die ich letztes Jahr hier schon geschrieben hatte, auch den Namen ein bisschen anzupassen? Ob die ältere Generation es will oder nicht: ich glaube, dass die Tage des traditionellen Zwarte Piet gezählt sind.

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Für ein bisschen mehr Sankt Martin

Der goldene Oktober, der dieses Jahr ja wirklich schön bunt war, ist schon fast wieder vorbei. Es wird kälter und der kleine Kaaskop steht am frühen Abend am Fenster und sucht den dunklen Himmel nach dem „Möndchen“ ab. Nächsten Donnerstag soll er einen Laternenstock mit in die Kita bringen, damit er nachmittags am peutermiddag für die Kinder über 3 mit seiner letzte Woche gebastelten Laterne laufen kann. Einen richtigen Laternenumzug organisiert die Kita nicht, soweit ich weiß. Dabei ist in zwei Wochen Sankt Martin, wie Ostern ein Fest, mit dem ich erst wieder was am Hut habe, seit ich Mutter bin.

Ich bin weder getauft noch gläubig, aber an das Sankt-Martins-Fest damals im Kindergarten in Nordhreinwestfalen habe ich immer noch schöne Erinnerungen. Da gab es ein richtig großes Holzfeuer, einen Sankt Martin in einem knallroten Mantel auf einem richtigen Pferd, einen Chor….das war sowas von beeindruckend und klasse! Und für die Kinder gab es Weckmänner (aus Hefeteig) mit Tonpfeife, mit der man wirklich pfeifen konnte.

Hier in Holland wird auch Sint Maarten gefeiert. In „unserer“ Kita zwar wie gesagt nicht, aber in der Stadt ist ein 2-tägiges Fest, habe ich gesehen. Da würde ich eigentlich gerne hin, aber ich fürchte, es ist mir da zu voll und der kleine Kaaskop noch zu klein. Sint Maarten ist nämlich der Schutzheilige von Utrecht und deshalb ist nicht nur die Flagge der Stadt Rot-Weiß, sondern wird um den 11. November herum auch jedes Jahr das „Fest des Teilens“ gefeiert, mit Lesungen, einem Sint-Maarten-Markt, Aufführungen und einem großen Umzug mit Laternen und Musik.

Da der große Kaaskop letztes Wochenende endlich die Lautsprecher unserer Stereo-Anlage angeschlossen hat (wir wohnen ja auch erst seit Februar in diesem Haus), hören wir wieder öfter Musik. Der kleine Kaaskop findet zurzeit eine bestimmte Herbst-CD von Tchibo ganz toll, besonders das „Dinosaurier“-Lied. (Hat nix mit einem Dino zu tun, aber irgendwie versteht er bei „Süßes oder Saures“ halt „dinosaurus“ (richtig geraten: das niederländische Wort für Dinosaurier).) Und das gar nicht mal so kinderhaftige Lied „Meine kleine Herbstmelodie“ mag er auch sehr gerne. Kaum habe ich irgendwo gelesen, dass Fastvierjährige gerne singen, fängt der kleine Kaaskop plötzlich an, das tatsächlich zu tun: ganz still saß er vor der Anlage und hörte sich das Lied an, und seitdem singt er immer den Refrain mit: „Wenn du hinausgehst, und mitten im Wind stehst, wenn du dir anschaust, wie alles herumsaust“… Jedenfalls ist auch das klassische Sankt-Martins-Lied auf dieser CD, und irgendwie finde ich den Text gerade sehr passend:

Sankt Martin, Sankt Martin,
Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind,
Sein Roß, das trug ihn fort geschwind.
Sankt Martin ritt mit leichtem Mut,
Sein Mantel deckt‘ ihn warm und gut.

Im Schnee saß, im Schnee saß,
Im Schnee, da saß ein armer Mann,
Hatt‘ Kleider nicht, hatt‘ Lumpen an.
„O helft mir doch in meiner Not,
Sonst ist der bittre Frost mein Tod!“

Sankt Martin, Sankt Martin,
Sankt Martin zog die Zügel an,
Sein Roß stand still beim armen Mann.
Sankt Martin mit dem Schwerte teilt‘
Den warmen Mantel unverweilt.

Sankt Martin, Sankt Martin,
Sankt Martin gab den halben still:
Der Bettler rasch ihm danken will
Sankt Martin aber ritt in Eil‘
Hinweg mit seinem Mantelteil.

Am Wochenende war ich übrigens mit einer Freundin essen und im Kino. Davor sind wir noch spontan shoppen gegangen, denn wir waren früh dran und gerade wenn man ungeplant shoppt, findet man schöne DInge. Eine neue Winterjacke brauchtewollte ich, denn meine alte ist so…schwarz und verwaschen. EIne rote hätte ich gerne gehabt. Es ist dann aber eine blaue geworden. Von Benetton, heruntergesetzt für 70 Euro. Keine „Zwischensaison-Jacke“ wie geplant, aber es wird ja bald wieder kälter. Deshalb habe ich am nächsten Tag den gleichen Betrag der Flüchtlingshilfe gespendet. Ich hatte vor ein paar Wochen schon einmal was gespendet, aber die Lage wird ja immer schlimmer und wie gesagt, es wird kälter. Die Tage werde ich auch mal die alten, kaum getragenen Winterstiefel des kleinen Kaaskop und ein paar andere Wintersachen raussuchen und sie zum nächsten Welkom Winkel (Willkommensladen) bringen. Das ist das Mindeste, was ich tun kann. Für ein bisschen mehr Sankt Martin.

Doppelte Staatsbürgerschaft

Ich werde ab und zu mal gefragt, ob ich denn eigentlich mittlerweile einen niederländischen Pass habe. Schließlich wohne ich schon seit 8 Jahren hier.

Die Antwort ist nein. Ich würde ja gerne. Und ich habe mich schon vor Jahren ein wenig schlau gemacht und herausgefunden, dass man mindestens 5 Jahre in den Niederlanden leben muss (3, wenn man mit einem Niederländer verheiratet ist), bevor man da überhaupt was beantragen kann. In Deutschland geht das wohl schneller, habe ich gehört. Und dann will die niederländische Regierung die 5-Jahresfrist auch noch auf 7 verlängern…

Irgendwie war das Ganze dann aber in Vergessenheit geraten. Es war mir nicht wichtig genug. Abgesehen vom Wahlrecht (als Nicht-Niederländerin darf ich nur bei den Regionalwahlen mitwählen, nicht bei den „richtigen“) bringt mir die niederländische Nationalität eh nichts besonderes, als EU-Bürgerin habe ich ja sowieso ziemlich viele Rechte in meiner Wahlheimat. Anlässlich meiner Hochzeit mit dem Kaaskop startete ich 2009 eine neue Informationsrunde. Die auch im Sande verlief. Zu aufwändig, zu teuer.

Jetzt habe ich das nochmal im Internet nachgelesen, weil ich auf der Arbeit mit Kollegen darauf zu sprechen kam. Weil ich meine deutsche Nationalität nicht aufgeben will, habe ich mal gegooglet, wie die rechtliche Lage diesbezüglich eigentlich mittlerweile aussieht. Da hat sich ja in den letzten Jahren einiges getan.

Und wenn ich nicht falsch geguckt habe, erlaubt Deutschland mir zwar die doppelte Staatsbürgerschaft, aber die Niederlande nicht. Schade, dachte ich. Denn auch wenn ich gerne hier in Holland lebe und mich durchaus mit dem Land verbunden fühle, bin und bleibe ich doch Deutsche. Und deshalb möchte ich auch meinen deutschen Pass behalten. Ich finde nicht, dass der Pass „nur ein Dokument“ ist. Er ist der greifbare Beweis meiner Landeszugehörigkeit. Er verkörpert mein Gefühl, Deutsche zu sein. Bei meiner Google-Suche bin ich auf einen Link zu einer Website gestoßen, auf der die Geschichte eines niederländische Ehepaars erzählt wurde, das ausgewandert war und beim Versuch, ihre Pässe zu verlängern, zu hören bekam, dass ihnen die niederländische Staatsbürgerschaft entzogen worden war, weil sie die Staatsbürgerschaft ihres neuen Heimatlandes angenommen hatten, um bei der Arbeit mit weniger bürokratischen Behinderungen konfrontiert zu werden. Die waren am Boden zerstört…

Jedenfalls habe ich dann mal weitergelesen auf rijksoverheid.nl und zu meiner freudigen Überraschung erfahren, dass man seine andere Nationalität nicht abgeben muss, wenn man mit einem Niederländer verheiratet ist. Hurra! Aber dann las ich noch weiter. Das „Naturalisations“-Verfahren dauert 1 Jahr, man muss einen Einbürgerungstest bestehen und der ganze Spaß kostet: 821 Euro!

Von dem Einbürgerungstest habe ich schon mal gehört. Da werden u.a. Fragen zur niederländischen Geschichte gestellt (über die ich nie was gelernt hab, warum sollte ich?) und gibt es fiese Fragen zu doppeldeutigen Fotos. Zum Beispiel von einem Deich mit einem asphaltierten Weg drauf. Und die Frage lautete: Was ist das? a) ein Deich b) eine Straße. Öhm, tja, beides?! Auch wurde gefragt, was man macht, wenn einer der Nachbarn ein Baby gekriegt hat. a) Man bringt Blumen vorbei. b) Man schickt eine Gllückwunschkarte. c) Man klingelt an, um zu gratulieren. Also wirklich, was sind denn das für fiese Fragen….!

Im Endeffekt ist mir der Erwerb der niederländischen Staatsbürgerschaft aber eigentlich schlichtweg zu aufwändig und zu teuer. Und das zeigt einmal mehr, wie gut ich schon eingebürgert bin: Niederländer sind schließlich dafür bekannt, dass sie geizig sind, haha!

 

Geburtsurlaub für Väter II

Am Karfreitag stand ein interessanter Artikel in der Volkskrant. Ich hatte ja schon vor ein paar Monaten  hier meine Meinung zu den Plänen des niederländischen Sozialministers geschrieben, den „Geburtsurlaub“ für Väter zu verlängern. Das Kabinett hat diesen Plänen nun also zugestimmt: demnächst bekommen Väter nach der Geburt ihres Kindes nicht 2 sondern 5 Tage frei, um bei ihrer Frau und dem Baby zu sein und praktische Dinge zu regeln (Einwohnermeldeamt und so). Die 3 Zusatztage sind unbezahlt, aber der Arbeitgeber darf sie nicht verweigern. Tja.

In dem Artikel standen aber noch mehr Neuigkeiten, und die fand ich wirklich gut: Wenn die Mutter bei der Geburt stirbt, was offenbar ca. 25 Mal im Jahr vorkommt (*schluck*), darf der Vater ab sofort die 10 Wochen Mutterschutz übernehmen, die der Frau nach der Geburt immer noch mindestens zustehen.  Und bei Frühchen soll die Brutkastenzeit zum Mutterschutz addiert werden. Das ist doch mal eine gute Sache! Zwar fragt man sich ja eigentlich, wieso das bisher noch nicht geregelt war…aber schön, dass das jetzt nachgeholt wird, finde ich.

Wie sieht das eigentlich in Deutschland aus? Eine kurze Google-Suche hat mir leider keinen Aufschluss darüber gegeben, ob für Väter, die bei der Geburt ihres Kindes zum Witwer werden (Mann, mir kommen schon beim Schreiben dieser Worte die Tränen!) etwas geregelt ist. Bei Frühchen scheint es so auszusehen: „In der Regel gilt sechs Wochen vor und acht Wochen nach der Geburt der Mutterschutz. Bei einer Frühgeburt verlängert sich die Zeit nach der Geburt auf zwölf Wochen. Außerdem wird die Zeit, die vor der Geburt nicht in Anspruch genommen werden konnte, hinzu gerechnet.“

Ich weiß leider nicht genau, ob das in Deutschland auch gerade ein Thema ist, dafür verfolge ich das politische Geschehen in der Heimat zu wenig, aber hier in Holland will die Regierung einen Wandel der Gesellschaft bewirken, hin zu einer participatiemaatschappij (in etwa: Beteiligungsgesellschaft). Das heißt, die Leute sollen mehr selber für ihre alten Eltern, kranken Nachbarn usw. sorgen, indem sie kleine Pflegedienste leisten, im Haushalt helfen etc. Daher wird gerade nicht nur der „Geburtsurlaub“ verlängert, sondern soll es auch ermöglicht werden, Sonderurlaub/Pflegeurlaub zu nehmen, um sich um kranke Verwandte oder Nachbarn zu kümmern. Bisher war das nur für die eigenen, im selben Haushalt lebenden Kinder oder Ehegatten möglich.

Dummerweise werden gleichzeitig aber auch Maßnahmen eingeführt, die diesem noblen Ziel eher entgegenwirken: so stand heute in der Zeitung, dass viele Familien, in denen die erwachsenen Kinder mit den Großeltern zusammenziehen wollten, die Umzugspläne erstmal auf Eis gelegt worden sind, weil Rentnern, die im gleichen Haus wie ihre Kinder leben, ab Juli 2015 die gesetzliche Rente gekürzt werden soll. Wegen der angeblichen „Größenvorteile“, die solche Familien haben, zum  Beispiel dadurch, dass sie sich die Wohnkosten teilen. Ha! Die betroffenen Familien hingegen behaupten, dass das Zusammenziehen eher teurer ist, weil sie am Haus bauliche Veränderungen vornehmen lassen müssen und das (unbezahlte) Pflegen von Opa und Oma viel Zeit kostet. Ohne jetzt groß auf die Politiker schimpfen zu wollen, finde ich, dass diese Rentenkürzung ziemlich undurchdacht ist. Da zieht jemand um oder baut um, damit seine pflegebedürftigen Eltern, die kein Pflegeheim bezahlen können, bei ihm im Haus wohnen können, opfert private Zeit und möglicherweise auch ein paar Wochenarbeitsstunden, um unbezahlt Pflegedienste zu leisten, für die sonst der Staat zahlen würde, und dann sagt der Staat: „Oh, aber dann ziehen wir deinen alten Eltern was von der Rente ab, schließlich spart ihr ja jetzt Wohnkosten ein!“ Auf diese Weise wird es wohl noch ein bisschen länger dauern, bis sich die Leute wieder umeinander kümmern wie in der Zeit vor dem Sozialstaat…

Die haben doch einen Knall!

Ich schlafe schon seit Weihnachten nicht gut. Und das liegt nicht daran, dass ich wach liege und grüble oder dass ich wegen einer Blasenentzündung (vermute ich – konnte Freitag aber kein Pipi zum Hausarzt bringen, weil ich den Becher vorübergehend in der Küche „sicher und außer Reichweite von kleinen Händen“ abgestellt hatte..und B. ihn trotzdem umgeworfen hat, grr!) nachts raus muss…

Nein, ich schlafe schlecht, weil da draußen schon seit ein paar Tagen vereinzelt mit Silvesterböllern geknallt wird! Bisher dachte ich immer, das läge an dem Viertel, in dem wir wohnen. Letztes Jahr waren wir vor der Knallerei ja zu meiner Mutter geflüchtet, das Jahr davor habe ich mich hochschwanger drinnen verbarrikadiert und davor…waren wir bei Freunden, glaube ich. An das letzte Mal, dass wir zuhause Silvester gefeiert haben und um Mitternacht raus gegangen sind, kann ich mich kaum noch erinnern. Ich weiß aber noch, dass ich nach 5 Minuten Todesangst wieder nach drinnen geflüchtet bin.

Wirklich, was hier so an Silvester in die Luft geballert wird, ist unglaublich! Jedes Jahr werden direkt nach Weihnachten die Briefkastenschlitze verkleinert, damit niemand Böller reinwerfen kann. Jedes Jahr sind die Straßen schon vor dem Verklingen des letzten Glockenschlags ein Schlachtfeld aus Überresten von Böllern und Raketen. Jedes Jahr ist die Luft draußen kurz nach Mitternacht so rauchig, dass einem die Augen weh tun. Jedes Jahr sind die Zeitungen vor und nach dem 31. Dezember voll mit Artikeln über Feuerwerksopfer (oftmals unschuldige Zuschauer). Und dass dieses Jahr NICHT wie sonst jedes Jahr in Amsterdam die Parkuhren mit einem speziellen Feuerwerkschutz abgedeckt werden, liegt nur daran, dass mittlerweile an allen Automaten in der Stadt nur noch digital bezahlt werden kann und die Dinger dementsprechend kein Geld mehr enthalten.

Am Samstag stand in der Volkskrant ein interessanter Artikel über Feuerwerk. Offenbar wird nirgendwo in Europa soviel Feuerwerk verbraucht wie hier in Holland! Das wusste ich gar nicht. Überrascht mich aber absolut nicht. Dem Artikel zufolge kosten die 16 Stunden im Jahr, in denen es in den Niederlanden offiziell erlaubt ist, Böller und Raketen abzufeuern, 1,4 Augen pro Stunde. Mindestens 60 % davon sind auf legales Feuerwerk zurückzuführen. Vom illegalen Feuerwerk, das immer schwerer wird, mal ganz zu schweigen. Offenbar findet die Polizei immer öfter illegale Böller, die so stark sind, dass man damit ein Auto in die Luft sprengen könnte. *sprachlos* Es dauert noch ein paar Tage bis Silvester, aber es sind dieses Jahr schon 8 Menschen so schwer von Feuerwerkskörpern verletzt worden, dass sie unters Messer mussten. Zwei davon sind Minderjährige, die nun mit einer statt mit zwei Händen durchs Leben gehen müssen. Zum Glück ist B. ja noch zu klein, um sich für Böller und ähnlich gefährliches Zeug zu interessieren. Und wie’s ausschaut, hat er die Schreckhaftigkeit seiner Mutter geerbt. Aber das kann sich ja ändern. Ich kann nur hoffen, dass der Knallerei bis dahin ein Ende bereitet wird. In der Regierung sind leider derzeit nur Grün-Links und die Partei der Tiere (ja, die haben einen Sitz im Parlament!) für ein Feuerwerkskörperverbot,und ich darf ja als Nicht-Staatsangehörige nicht wählen, aber Petitionen unterschreiben kann ich. Habe ich gerade gemacht. Wenn sogar die Branche selbst ein teilweises Verbot unterstützen würde und – Tradition hin oder her – einer Umfrage zufolge mittlerweile 64 % der Niederländer für ein Verbot ist, kann das ja noch werden!

PETITION

Wir alle, die wollen, dass dem jedes Jahr wachsenden Feuerwerksterror ein Ende bereitet wird, stellen fest,
dass das Zünden von Feuerwerkskörpern durch Privatpersonen sich von unschuldiger Unterhaltung zu an Gewalttätigkeit grenzender Belästigung entwickelt hat; dass die Belastung der Umwelt mit tonnenweise schweren Giftstoffen nicht zu einer verantwortungsbewussten Umweltpolitik passt; dass das Verpulvern von 68 Millionen Euro nicht zu einer Welt passt, in der Milliarden Menschen von weniger als einem Euro pro Tag leben müssen, und
bitten die Regierung, per Gesetz ein allgemeines Feuerwerksverbot für Privatpersonen zu erlassen, um dieser ausgearteten Tradition ein Ende zu bereiten.

Ich verweise in diesem Zusammenhang übrigens auch auf die vierte Strophe von Reinhard Meys auch heute noch aktuellem Lied In diesem, unsrem Lande – and rest my case!

Oh, und diese „romantischen“ Wunschballons, die man hier gerade überall kaufen kann?! Was. Für. Eine. Umweltverschmutzung!!!

Neu: Geburtsurlaub für Väter – Ich hätte dazu noch was anzumerken!

Trommelwirbel! Der niederländische Sozialminister hat angekündigt, dass Väter bald (ein genaues Datum steht noch nicht fest) nicht mehr 2 sondern ganze 5 Tage Sonderurlaub nach der Geburt ihres Kindes kriegen sollen. Und jetzt der Clou: die 3 Zusatztage sind unbezahlt….

Da ist er vermutlich auch noch stolz drauf *maul*. Bisher bekamen frischgebackene Väter 2 Tage frei (mit Gehaltsfortzahlung), aber die brauchen sie ja auch, um ihr Kind beim Standesamt anzumelden (dafür hat man hier in Holland nur 4 Tage Zeit), um doch noch schnell Stillhütchen, Milchpumpe, usw. zu besorgen und sonstige kurz-nach-der-Geburt-Dinge zu regeln. Hier in Holland sind die frischentbundenen Mütter nämlich normalerweise noch am Tag der Geburt (oder am Tag danach) schon wieder zuhause und werden dort von einer Nachsorgehebamme betreut (in der Regel ca. eine Woche lang, 5-6 Stunden am Tag). Die große Hektik fängt also auch schon für den Vater gleich nach der Geburt an. In Deutschland ist das ja alles etwas anders.

Trotzdem. Was sollen denn die paar Tage unbezahlter Sonderurlaub bringen?

Klar, die Väter müssen ihr Baby natürlich auch kennenlernen und so. Aber dazu nehmen die meisten modernen Väter ja sowieso 1-2 Wochen „normalen“ Urlaub. Dieser neue Geburtsurlaub ist ein erster Schritt in die richtige Richtung, mehr aber nicht. Die niederländische Regierung glaubt ja wohl nicht wirklich, dass jetzt alle jubeln, oder? Nicht jeder kann sich diesen unbezahlten Sonderurlaub finanziell leisten.

Genausowenig können sich die wenigsten Mütter Familien es übrigens leisten, dass die Mutter nach den kargen 10-12 Wochen Mutterschutz nach der Geburt (und 4-6 davor) noch bei dem Minimensch zuhause bleibt. Ja, die deutschen Besserwissermütter, die Oh. Ich wollte ja nicht mit Dreck werfen. In Deutschland ist es ja ziemlich verpönt , sein Baby schon mit 4 Monaten in die Krippe (bzw. zur Tagesmutter) zu bringen. Vielen Niederländerinnen bleibt aber nichts anderes übrig, denn frau hat zwar Anspruch auf Elternzeit (Väter übrigens auch), aber das sind auf Vollzeit umgerechnet nur 13 Wochen und die sind ebenfalls UNBEZAHLT. (Es sei denn, man arbeitet bei einem Arbeitgeber, der freiwillig einen Teil des Gehalts fortzahlt.) Kurze Rechnung: 10 Wochen nach der Geburt plus 13 Wochen unbezahlte Elternzeit = 23 Wochen. Mit anderen Worten: selbst wenn man es sich leisten kann, (wie ich) noch unbezahlte Elternzeit zu nehmen, muss man das Kind noch in die Tagesbetreuung geben, bevor es 6 Monate alt ist. Es sei denn, man ist bereit, seinen Job zu kündigen und thuismoeder zu werden.

Während also die deutschen Mütter sich den Luxus gönnen können, schön lange bei den lieben Kleinen zuhause zu bleiben und das nicht völlig aus eigener Tasche finanzieren müssen, müssen die Mütter Eltern hierzulande finanziell arg zurückstecken und kreativere Lösungen finden, wenn sie der Meinung sind, ein Kind unter 6 Monaten gehöre nicht in die Kita/zur Tagesmutter.

Ziemlich ungerecht, finde ich. Ich fühle mich da grad mal wieder schwer benachteiligt! Allerdings muss man dazusagen, dass man hier in Holland auch nicht (wie in Deutschland, soweit ich weiß) als entartete Rabenmutter angesehen wird, wenn man NICHT der Meinung ist, dass Babies 24/7 bei ihrer Mutter sein müssen. Andere Länder, andere Sitten, sag ich mal… Und überhaupt, ich BIN ja bis fünfeinhalb Monate mit dem kleinen Schlingel zuhause geblieben. (Auch wenn das auf Kosten meiner geistigen Gesundheit ging, aber das ist ein anderes Thema…) Schuldgefühl, geh weg! Und Minister Asscher, mach das lieber mal in schön! (Auch wenn die Arbeitgeberverbände und der Verband der KMU maulen, die Regierung solle mal aufhören, „sich in der Bonbonschachtel der Arbeitgeber zu bedienen“.)

Bye, bye, Zwarte Piet (as we know him)

Ich hatte ja neulich schon mal über das Problem mit Zwarte Piet, dem Knecht Helfer vom niederländischen Nikolaus Sinterklaas, geschrieben. Das Thema ist (einen Monat vor Sinterklaas-avond am 5. Dezember) immer noch in aller Munde, allerdings nicht mehr so scharf wie vor ein paar Wochen.

Nachdem der Amsterdamer Bürgermeister letzte Woche entscheiden musste, ob der traditionelle Sinterklaas-Zug (mit 700 zwarte Pieten) wie geplant stattfinden soll oder er dem Antrag einiger fanatischer Zwarte-Piet-Gegner stattgeben soll, die die Feierlichkeiten wegen der angeblichen rassistischen Natur verbieten lassen wollen, ist das Ganze mittlerweile offenbar weniger interessant für die Medien. Statt Seite 2 nur noch eine kleine Meldung auf Seite 10…

Eberhard van der Laan hat jedenfalls entschieden, dass der feierliche Einzug nicht abgeblasen wird; dass es sich um ein Kinderfest, Märchen und Theater zugleich handelt; dass die Tradition verschiedene Ursprünge hat; dass die Figur Zwarte Piet sich in Laufe der Jahre vom dummen Knecht zum lustigen Spaßmacher und Süßigkeitenstreuer verwandelt hat und deshalb eher nicht als rassistisch einzustufen sei, dass er aber verstehe, dass farbige Mitbürger sich verletzt fühlen und dass man das berücksichtigen sollte. Er ist der Ansicht, dass man aber nicht von heute auf morgen das ganze Fest ändern kann und dass dann sowieso der Staat und nicht die Stadt dafür zuständig sei. Er findet, dass Zwarte Piet erhalten bleiben sollte, man sein Äußeres aber nach und nach (der Kinder wegen) weniger anstoßgebend gestalten sollte, sodass Sinterklaas in 5 bis 10 Jahren wieder wirklich ein Fest für alle ist. Van der Laan meint außerdem, dass man sich nach dem 5. Dezember ausführlicher mit dieser Sache befassen sollte, und nicht kurz davor. Und (als Vater dreier Kinder) ruft er alle dazu auf, das Fest den Kindern nicht zu verderben, indem zum Beispiel der Einzug sabbotiert wird oder öffentlich gerufen wird, dass es Sinterklaas gar nicht gibt usw. Er bittet um gegenseitigen Respekt, auch man die Meinung der „Gegenpartei“ nicht begreifen kann. (Hier der ganze Brief von Van der Laan auf Niederländisch)

Respekt, das scheint mir auch ein wichtiges Wort in dieser Angelegenheit! Wenn ich mir die Äußerungen dazu in den Medien zo angucke, kann ich wirklich nur den Kopf schütteln. Facebook-Poster mit dem Text „Bin gespannt, wann der Diabetikerverband versucht, dass Zuckerfest verbieten zu lassen!“ sind ja noch ganz lustig, aber dass eine BN’erin (Bekende Nederlandse, berühmte Niederländerin), die auf Twitter öffentlich die Zwarte-Piet-Gegner unterstützt als „dreckige Negerhure“beschimpft wird…. Das geht ja wohl zu weit, oder?! Die täglichen Comics in der Zeitung sind auch recht aufschlussreich. Am Anfang der diesjährigen Zwarte-Piet-Diskussion hab ich einen gesehen, in dem stand: „Leute, wir wollen ja niemandem etwas verderben….aber Zwarte Piet gibt es gar nicht!“ Die Tage habe ich einen gesehen, in dem ein Mann seinem Psychiater erzählte, er habe immer heftigere Mittel nötig, um sich einen Kick zu verschaffen und zu fühlen, dass er lebt. Autorennen, Kitesurfen, Skydiving ..neuerdings twittere er sogar über Zwarte Piet. Sein entsetzter Psychiater antwortete: „Was?! Hör mal, es gibt eine Grenze zwischen gefährlich und lebensmüde!“

Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass die beiden Seiten einander einfach nicht verstehen wollen. Sie fühlen sich angegriffen und gehen sofort zum Gegenangriff über. Und beschimpfen einander schamlos online. Mal ernsthaft und objektiv darüber nachdenken, wie sich die andere Seite fühlt, ist offenbar nicht drin. Schade. Da ich ja als Importkaaskop nicht hier aufgewachsen bin, habe ich persönlich nicht viel mit Sinterklaas am Hut. Ich finde nicht, dass man Sinterklaas abschaffen sollte. Aber ich stimme Eberhard van der Laan zu, dass man Zwarte Piet (wieder) etwas ändern sollte. Das sieht offensichtlich auch der Verein ein, der für alles rund um Sinterklaas-Veranstaltungen zuständig ist. Dieses Jahr werden die Pieten jedenfalls keine goldenen Ohrringe tragen, die Perücken sind nicht mehr alle schwarz gekraust und die Farbe des Lippenstiftes wird nicht bei allen Rot sein. Das ist ja schon mal ein guter Anfang. Wie es in den nächsten Jahren weitergeht, werden wir ja sehen.

In Deutschland ist ja offenbar auch gerade vermehrt Diskussion um Worte wie „Zigeunerschnitzel„und um Traditionen wie St.Martin. Das letzte finde ich ja Unsinn. Also, das verbieten zu wollen, meine ich. Ich habe diese Umzüge und das dazugehörige Schauspiel damals im Kindergarten geliebt! Außerdem ist Europa nun einmal von jeher christlich und da heutzutage viele Leute ja gar nicht mehr „aktiv“ dem christlichen Glauben anhängen, verbinden die wenigsten Leute (die Kinder schon gar nicht!) St.Martin sofort mit dem Glauben. Denke ich. Und er Gedanke hinter St.Martin sollte jawohl von allen Glaubensrichtungen befürwortet werden. Dann müsste man doch alle Feiertage abschaffen. Ostern, Pfingsten, Weihnachten.. ist doch alles christlich! Man kann’s auch übertreiben mit der Angst, Andersgläubige zu diskriminieren. Mich würde mal interessieren, ob sich wirklich jemand von Weihnachtstraditionen oder so diskriminiert fühlt. Kann ich mir auch bei möglichst objektiver Betrachtung nur schwer vorstellen…

So, es ist spät geworden. Ich geh ins Bett! Nur noch soviel zu diesem Thema: bei uns wird es zu Sinterklaas dieses Jahr wohl nur ein paar Pepernoten und Sinterklaaslieder geben. Am gleichen Abend werde ich aber zusammen mit dem kleinen Schlingel einen seiner schönen neuen Winterstiefel an die Haustür stellen und versuchen, ihm zu erklären, warum wir das tun. Und dann kriegt er am 6. eine Mandarine, eine snack-sized Packung Rosinen und ein kleines Nikolausgeschenk!